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Design Thinking für sozialen Wandel an Schulen

Das treibhaus 0.8 trifft sich zum Design Thinking Workshop in der COJE Neukölln

Design Thinking eignet sich nicht nur zur Kreation von Produkt-und Service Innovationen in der Wirtschaft. Der Ansatz kommt sogar besonders wirkungsvoll zum Einsatz, wenn nach Lösungen für schwierige Probleme in sozialen Bereichen gesucht wird. Funktioniert Design Thinking auch in der Konzeption für Live-Kommunikation? Das haben die 12 Volontäre des aktuellen Studien-Jahrganges des treibhaus 0.8 am vergangenen Wochenende ausprobiert. Im Bretter-Interieur des Kreativ-Lofts Coje im Herzen Neuköllns stellten sie sich einem fast dreitägigen, intensiven Design Thinking Training.

Annette Beyer, Studienleiterin des treibhaus 0.8, hat den Ort nicht ohne Grund gewählt. Unter dem Motto „sleep – work – meet“ bietet die Coje den idealen Rückzugsort zur kreativen Versenkung. Außerdem befindet sich das Loft im lokalen Brennpunkt des Themas, das in diesem Workshop im Mittelpunkt stand.

Die Challenge: Lösungen zur Unterstützung von Schülern während des Ramadan

Während des Ramadan gibt es im Schulbetrieb immer wieder Spannungen, wenn Kinder und Jugendliche fasten. Sie können dann oft nicht mehr aufmerksam dem Unterricht folgen oder z.B. an den Sportstunden teilnehmen und können in den Prüfungen zum mittleren Schulabschluss oder im Abitur nicht ihr Bestes geben.

Das Bezirksamt Neukölln und die Neuköllner Schulaufsicht haben sich daher mit Vertreter/innen von Moscheen und Vereinen, die in der Familienberatung tätig sind, zu Gesprächen getroffen. Das Ergebnis sind 12 Hinweise, die Lehrer/innen, Eltern und Schüler/innen dabei unterstützen sollen, die Zeit des Ramadans mit den schulischen Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen und einen ehrlichen und respektvollen Austausch miteinander zu führen, der dem Wohle der Kinder und Jugendlichen – sowohl schulisch, als auch privat – dient. Allerdings stoßen die 12 Verhaltensregeln für Schüler im Ramadan bisher nicht überall auf die dringend benötigte Unterstützung. 

Das treibhaus 0.8 greift die Herausforderung auf, die sich das Bezirksamt Neukölln bereits gestellt hatte. Das Anliegen:

Wie können muslimische Schülerinnen und Schüler noch im Ramadan unterstützt werden, damit sie ihre schulischen und ihre religiösen Pflichten besser miteinander in Einklang bringen können?

Der Prozess: Von aufgestöbertem Erdreich zum Trüffel

Zwei Experten geben den Workshop-Teilnehmer/innen einen lebendigen Eindruck der Situation an Berliner Schulen. Eine Lehrerin und ein Sozialarbeiter der Neuköllner Gemeinschaftsschule Fritz-Karsen stehen Rede und Antwort. Schnell wird klar: das Thema ist noch komplexer als gedacht. „Das können wir doch in der kurzen Zeit nicht lösen?!“ Einigen fällt fast das Herz in die Hose.

Trotzdem springen Alle ins kalte Wasser. Das A und O zu Beginn eines jeden Design Thinking Prozesses ist, den vorhandenen Informationsschatz im Raum abzubilden, zu sortieren und zu priorisieren. Also rücken die zwei Teams dem unübersichtlichen Thema mit diversen Stakeholder und Mapping Tools auf den Pelz. Die Bretterwände der Coje Berlin füllen sich mit Quadranten und Haftnotizen. In der frühen Phase stöbert der Design Thinker viel Erdreich auf. Die Trüffel sind neue Erkenntnisse und zielführende Fragen, die sich durch das Graben in den tiefen Schichten der Information gewinnen lassen.

Im Laufe des Prozesses lichtet sich das Dickicht. Die Entscheidung, für welche Zielperson eine Lösung erarbeitet wird, ist massgeblich. Darauf basierend lassen sich auch die vielen Informationen besser priorisieren. Die Design Thinker schlüpfen in die Schuhe von Schülern, Lehrern und Eltern. Sie erleben die Situation aus deren individueller Position. Hilfreich ist dabei die Empathy Map- ein bewährtes Design Thinking Tool.

Der Ramadan ist für viele Menschen ein sehr persönliches Thema. Deshalb – und aufgrund der fehlenden Zeit für gründliche Vorbereitung von Interviewleitfäden – halten sich die Design Thinker mit der Befragung von weiteren Menschen zurück. Die gute Nachricht: es lässt sich auch auf Basis von Annahmen und analogen, subjektiven Erfahrungen arbeiten. In Konzept-Prototypen übersetzt, lassen sich Annahmen später im Test mit den entsprechenden Stakeholdern überprüfen.

Shut up and (dot-)vote!

Die beiden Teams sind beeindruckt angesichts der Informationsmengen, die sie zusammen getragen haben. Im Bemühen, per Diskussion einen Konsens zu erreichen, stossen sie jedoch an Grenzen. Es ist anstrengend und alle sind etwas ratlos. Die Rettung: Abstimmung mit Klebepunkten. Jeder notiert erst still seine Gedanken auf einzelne Haftnotizen. Rundum stellt dann jeder den anderen seine Ideen vor und heftet dabei die Zettel an eine Wand. Es bildet sich ein Pool an Informationen und Ideen. Mit drei Punkten markiert jeder die Ansätze, die er/sie am interessantesten oder am relevantesten findet. So lassen sich die Inhalte eingrenzen, über die dann weiter gesprochen wird. Der Clou dabei ist, dass die Ideen nicht diskutiert und dabei klein gemacht werden (ja, aber…). Stattdessen richtet sich der Fokus auf die Übereinstimmungen (ja, und…). Dot-Voting erleichtert den Prozess ungemein und trägt zu einer wertschätzenden, kreativen Kommunikation bei. Sobald man fest steckt, stimmt man einfach wieder mit Punkten ab.

Der stimmungsmässige Wendepunkt ist endgültig da, als beide Gruppen die Essenz ihrer Recherche in ein Mission Statement übersetzen. Jetzt bricht ein leidenschaftliches Ringen um die passende Formulierung und um das treffende, bildhafte und gefühlte Wort aus. Und gleichzeitig macht sich Erleichterung breit: denn irgendwie sind jetzt plötzlich alle auf einem Nenner. Das Mission Statement bildet die Grundlage für die Ideenfindung. Es hilft dabei, die Gedanken in die richtige Richtung zu lenken.

Jetzt kann es los gehen mit der Ideenfindung. Auch das erste Brainstorm findet wieder in aller Stille statt. Per Brainwriting (Beschreibung der Methode hier) formuliert jeder seine erste Idee und reicht sie an seinen Nachbarn weiter. Der baut darauf auf und die Idee wandert wiederum an den nächsten weiter und so fort. Auf diese Art entwickelt jede Gruppe sechs Ideen mit mindestens dreissig Unterideen.

Die Verfertigung der Gedanken beim Prototyping

Das magische Moment in jedem Design Thinking Prozess ist der Beginn des Prototypings. Wie in der Ruhe vor dem Sturm tasten sich die Design Thinker vorsichtig an das Material heran. Und dann bricht der Wahnsinn los. In kürzester Zeit fliessen die Ideen durch die vielen Hände und nehmen Gestalt an. Jeder baut dabei an einem Aspekt des Gruppen-Projektes. Einzelteile werden entwickelt, zusammen gesetzt, verworfen und neu gebaut. Auf einer großen Pappe entsteht der Prototyp für ein „Fastival“ mit einer detaillierten Programmatik aus Schaumstoff, Strohhalmen und farbigem Papier. Aus einem Karton und einem Papierstreifen wird eine hybride Info-Box. In einem realen Raum mit begleitender App lädt sie Schüler dazu ein, sich mit Religionsthemen auseinander zu setzen. Parallel bereiten beide Gruppen schon die Präsentation vor. Ja, Powerpoint darf benutzt werden – ist aber absolut kein Muss. Was spricht dagegen, eine Herleitung anhand einer Pappe oder eines Modells vorzustellen?

Die Prototypen werden hier nicht näher beschrieben. Zu sagen ist, dass beide Ideen das Problem wohl nicht im Kern lösen. Kann man das überhaupt? Trotzdem bieten beide Ideen kraftvolle Lösungsansätze für Teile des Problems. Eins ist klar: beide Ideen fördern den kulturellen Austausch und können die konfliktreiche Situation an Schulen nur verbessern.

Last but not Least: Design Thinking in Agenturen?

Noch am ersten Abend des Trainings wird in Zweifel gezogen, ob Design Thinking in den Agenturalltag eines Kreativkonzeptioners passt. „Das ist doch viel zu aufwendig.“ Am Ende des Workshops sind die Meinungen optimistischer: „Wenn wir mit Design Thinking in zweieinhalb Tagen Konzepte für so ein massives Problem entwickeln können, warum dann nicht auch für einen Kunden-Pitch?“ Schliesslich werden auch die Aufgaben, mit denen Kunden an Agenturen herantreten, immer komplexer.

Einige Teilnehmer äussern, dass ihnen die tiefe Recherche im Design Thinking sehr entspricht. Einstein hat betont, wie wichtig es ihm ist, ein tiefes Verständnis für das Problem zu entwickeln, bevor er an die Lösungssuche geht. Der Psychologe Daniel Kahneman beschreibt das „langsame Denken“ als die analytische Denkweise, die nötig ist, um schwierigen Herausforderungen zu begegnen. Und er stellt sie dem „schnellen Denken“ gegenüber, mit dem man zu einer nahe liegenden, offensichtlichen Lösung springt. An dieser Stelle sei an Agenturen appelliert, Kreative recherchieren zu lassen und sie nicht sofort in eine spontane Ideenfindung zu schicken, wenn Ihnen diese Arbeitsweise nicht liegt.

Als Feedback hat die Moderation des treibhaus-Workshops mitgenommen, dass ein methodisch fein durch getakteter Ablauf den Kreativprozess extrem erleichtert. Lässt sich diese Erkenntnis nicht unmittelbar auf den Agenturalltag übertragen? Schliesslich ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Grossteil der Meetings, die wir tagtäglich durchführen, unproduktiv ist. Das gleiche gilt für klassische Brainstormings, die oft nicht zum gewünschten Ergebnis führen.

Woran liegt das? Das „Out of the Box-Denken“ zielt oft am Thema vorbei. Effektiver und kreativ viel stimulierender ist es, „Inside the Box“ zu denken. Je definierter ein Themen-Komplex ist, desto mehr regt er dazu an, innerhalb eines Problemraumes innovative Lösungen zu generieren. Für die Agenturarbeit eigentlich ideal.

Projektinfo

Kunde: treibhaus 0.8
treibhaus 0.8 ist das Kreativ-Volontariat der führenden deutschen Agenturen für Live-Kommunikation.

Job: Workshopdesign & Facilitation

Location: COJE – sleep, work, meet

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